Stange: Ländervergleich zeigt Veränderungsbedarf für Sachsens Schulsystem
10 Jahre nach dem PISA-Schock – kein Grund zum Jubeln
Dr. Eva-Maria Stange, stellvertretende Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, erklärt:
„Der aktuelle Ländervergleich bestätigt erneut die seit 2000 (PISA I) vorliegenden Ergebnisse: Die soziale Spaltung im sächsischen Bildungswesen ist auch zehn Jahre nach dem ersten PISA-Schock nicht abgebaut. Nach wie vor hat ein Kind aus einer Akademikerfamilien ein 2,8-mal bessere Chance auf einen Platz am Gymnasium, als ein gleich kluges, armes Facharbeiterkind.
Sachsen erreicht zwar bei der Lesekompetenz der Neuntklässler im Vergleich der deutschen Länder im Durchschnitt gute Ergebnisse. Aber es ist nicht zu übersehen, dass fast jeder 10. Schüler (9 Prozent) nicht einmal die Mindeststandards im Lesen erreicht, an den Mittelschulen sind es sogar 14,3 Prozent. Die Förderschüler wurden diesmal gleich ganz beiseitegelassen. Damit haben wir in Sachsen gut 20 Prozent junger Menschen mit einem erhöhten Risiko, überhaupt eine Berufsausbildung aufzunehmen. Nur jeder 4. Schüler (23,5 Prozent) erreicht die in den Regelstandards vorgegebenen Erwartungen, an den Mittelschulen ist es gerade einmal jeder Dritte. Gegenüber PISA 2006 hat sich hier – soweit man das vergleichen kann – nichts verbessert.
Das selbst im Durchschnitt schlechte Abschneiden der sächsischen Neuntklässler bei den erstmals untersuchten Englisch-Kompetenzen ist mit dem PISA-Schock 2000 vergleichbar: Rund 75 Prozent (Hören) bzw. 68 Prozent (Lesen) der Neuntklässler erreicht nicht den Mindeststandard. In den Mittelschulen liegen die Quoten bei jeweils über 90 Prozent! Damit sind die Schüler weder am Gymnasium noch an der Mittelschule ausreichend auf eine globale Welt vorbereitet. Das generell schlechte Abschneiden der neuen Bundesländer hat sicher auch seine Ursache in den mit der Wende sprunghaft gestiegenem Bedarf an Englisch-Lehrkräften, der bis heute nicht ausreichend fachgerecht gedeckt sein dürfte. Hier fehlen massive Weiterbildungsprogramme.
Es bleibt zu hoffen, dass die Staatsregierung die Ergebnisse der vorliegenden Studie ernst nimmt und endlich nötige Veränderungen am Schulsystem vornimmt. Vom vielen Wiegen wird die Sau nicht fett und die Schüler nicht klüger! Deshalb sollte die Landesregierung statt Steuergeld in weitere Länderrankings mit zweifelhaftem Erkenntnisgewinn zu stecken, dauerhafte Maßnahmen zur Stärkung der Kinder aus sozial schwachen Familien ergreifen: mit besser ausgestatteten und kostenfreien Kindertagesstätten und Ganztagsschulen mit einem qualifizierten Förderangebot sowie eine veränderte Lehreraus- und –fortbildung. Die Mittelschulen benötigen zusätzliche Unterstützung durch Schulsozialarbeiter und nachhaltige Förderstrukturen. Die aktuelle Rotstiftmaßnahmen der Landesregierung und der Kommunen gerade bei den Ganztagsangeboten und der Schulsozialarbeit, sowie die Streichung des kostenfreien Vorschuljahres sind mehr als kontraproduktiv und verschärfen die soziale Selektivität des Bildungssystems in Sachsen.
Die Sächsische Landesregierung sollte sich dafür einsetzen, dass Bund und Länder in Anbetracht der großen Versprechungen vom sogennanten Bildungsgipfel einen Bildungsfonds schaffen, der mit dem Bildungssoli der Spitzenverdiener und Vermögenden gespeist wird. Das Geld soll vor allem für den Aufbau von dauerhaften Strukturen zur Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien und mit Migrationshintergrund dienen.“




